HotelZukunft: Bossing und Mobbing in der Führung Eine unterschätzte Gefahr für die Unternehmenskultur in Hotellerie & Gastronomie
Bossing und Mobbing in der Führung
Eine unterschätzte Gefahr für die Unternehmenskultur in Hotellerie & Gastronomie
Psychische Gewalt als Führungsproblem
In kaum einer anderen Branche treffen Belastung und Hierarchie so unvermittelt aufeinander wie in der Hotellerie und Gastronomie. Zwischen Schichtsystem, Zeitdruck und einem oft autoritären Führungsstil können systematische Ausgrenzung, Demütigung oder Schikane durch Vorgesetzte – auch bekannt als Bossing – florieren.
Während Mobbing unter Kolleg:innen bereits seit Jahren in den Fokus arbeitspsychologischer Forschung gerückt ist, bleibt Bossing häufig ein Tabuthema. Dabei hat es weitreichende Folgen – für die Gesundheit der Beschäftigten ebenso wie für den wirtschaftlichen Erfolg des Betriebs.
Zahlen, die alarmieren
Laut dem Mobbing-Report Deutschland 2024 erleben rund 6,5 % der Beschäftigten systematische Übergriffe am Arbeitsplatz. Etwa 3,5 % berichten explizit von Bossing – mit einer mutmaßlich deutlich höheren Dunkelziffer in Bereichen mit starker Hierarchie und Dauerbelastung.
Gerade die Gastronomie bietet mit hoher Fluktuation, Schichtarbeit und emotionaler Erschöpfung einen Nährboden für übergriffiges Verhalten. Der raue Umgangston, der vielerorts als Teil der „Küchenkultur“ gilt, verschleiert oft die Grenze zwischen autoritärer Führung und psychischer Gewalt.
Gesundheitliche und wirtschaftliche Folgen
Bossing ist kein „soziales Problem“, sondern eine betriebswirtschaftliche Herausforderung:
- 22,6 Krankheitstage pro Jahr verzeichnen betroffene Mitarbeitende im Durchschnitt – fast doppelt so viele wie ihre Kolleg:innen.
- Das Risiko für Depression, Burnout und Angststörungen ist signifikant erhöht.
- Imageverlust und Personalabwanderung sind langfristige Konsequenzen – mit realem wirtschaftlichen Schaden.
In Bewerberforen, Bewertungsportalen und sozialen Netzwerken spricht sich eine toxische Führungskultur rasch herum. Für eine Branche, die ohnehin mit Personalmangel kämpft, ist das fatal.
Rechtliche Verantwortung: Führungskräfte unter Zugzwang
Was viele unterschätzen: Die rechtliche Verantwortung ist klar definiert. Arbeitgeber und Führungskräfte stehen unter umfassender Fürsorgepflicht, geregelt durch:
- § 3 ArbSchG – Schutz vor psychischen Gefährdungen am Arbeitsplatz
- AGG (Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz) – Schutz vor Diskriminierung und Mobbing
- § 241 Abs. 2 BGB – Verpflichtung zu Rücksichtnahme und Fürsorge
Wird Bossing von Vorgesetzten verübt oder geduldet, drohen:
- Arbeitsrechtliche Konsequenzen: Abmahnung, Versetzung, Kündigung
- Zivilrechtliche Klagen: Schadensersatz, Schmerzensgeld
- Strafrechtliche Verfahren: bei Beleidigung, Nötigung oder Körperverletzung
Wird das Verhalten systematisch von der Geschäftsleitung toleriert oder gar gewünscht, haftet das Unternehmen als Ganzes – eine Entwicklung, die auch das Markenimage dauerhaft beschädigen kann.
Kulturwandel statt Einzelfall-Lösungen
Wer Bossing wirksam bekämpfen will, muss tiefer ansetzen: bei der Führungskultur. Einzelmaßnahmen reichen nicht. Erfolgreiche Prävention setzt auf:
- Klare Null-Toleranz-Politik: Kein Raum für Rechtfertigung oder Bagatellisierung
- Vertrauliche Meldesysteme: etwa Ombudspersonen oder anonyme Feedbackkanäle
- Pflichtschulungen für Führungskräfte in Kommunikation, Konfliktmanagement und Arbeitsrecht
- Regelmäßige psychische Gefährdungsbeurteilung (z. B. nach ESENER-3-Standard)
- Konsequente Sanktionierung bei belegtem Fehlverhalten
- Einbindung von Mitarbeitenden in Präventionsstrategien
👉 Praxis-Tipp: Ein Mobbing-Tagebuch kann Betroffenen helfen, systematische Übergriffe zu dokumentieren – und wird vor Gericht als Beweismittel anerkannt.
Fazit: Führung muss Haltung zeigen
Bossing ist nicht nur ein Führungsfehler – es ist ein organisatorisches Risiko. Eine Unternehmenskultur, die übergriffiges Verhalten duldet, verliert nicht nur Mitarbeiter:innen, sondern auch Vertrauen, Glaubwürdigkeit und letztlich wirtschaftliche Stabilität.
Führungskräfte tragen eine besondere Verantwortung, der sie sich nicht entziehen können – weder rechtlich noch moralisch. Wer heute in achtsame Führung investiert, schützt nicht nur Menschen, sondern sichert auch langfristig die Wettbewerbsfähigkeit seines Betriebs.
Quellen & Studien
- Lange, S. et al. (2019): Workplace bullying in Germany: Prevalence and perpetrator roles. zur Studie
- BAuA (2019): Psychische Belastung am Arbeitsplatz – ESENER-3 Ergebnisse. mehr erfahren
- Eurofound (2002): Study on workplace mobbing – economic and health effects. zur Studie
- Ropponen, A. et al. (2021): Job Demands and Bullying Risk. Studienlink4

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