Bleisure 2.0: Wie Hotellerie und Tourismus neue Gästegruppen erschließen
Einleitung: Die neue Realität des Reisens
Der Begriff „Bleisure“ – die Kombination von „Business“ und „Leisure“ – hat sich von einer Nischenerscheinung zur tragenden Säule moderner Reisedynamiken entwickelt. Was als gelegentliche Freizeitverlängerung von Dienstreisen begann, entwickelt sich dank digitaler Arbeitsmodelle, veränderter Lebensrealitäten und wachsender Mobilität zur strategischen Chance für Hotellerie und Tourismuswirtschaft. Die zunehmende Entgrenzung von Arbeits- und Freizeiträumen eröffnet ein erweitertes Gästeprofil – vom Solo-Geschäftsreisenden hin zu Paaren und ganzen Familien, die gemeinsam reisen und arbeiten.
Marktpotenzial: Bleisure als Wachstumssegment
Die globale Relevanz des Bleisure-Segments ist mittlerweile gut dokumentiert. Für das Jahr 2024 wurde der weltweite Marktwert auf rund 430,9 Mrd. USD geschätzt. Prognosen zufolge wird dieser bis 2025 auf etwa 472,3 Mrd. USD und bis 2029 auf 676,8 Mrd. USD anwachsen. Dies entspricht einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate (CAGR) von über 9 %. Der europäische Markt zeigt mit einem prognostizierten Wachstum von 13,1 % jährlich zwischen 2023 und 2030 besonders dynamische Entwicklungen.
Deutschland positioniert sich dabei als Vorreiter: Rund 65 % aller Geschäftsreisenden aus Deutschland kombinieren ihre Reisen mit Freizeitaktivitäten – damit liegt die Bundesrepublik europaweit an erster Stelle. Bleisure-Reisende verbringen im Schnitt 2,1 Tage länger am Zielort und geben durchschnittlich 1.767 € pro Aufenthalt aus – deutlich mehr als reine Geschäftsreisende.
Neue Zielgruppen: Vom Soloreisenden zur Workation-Familie
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Remote-Worker-Paare
Die zunehmende Verbreitung ortsunabhängiger Arbeitsmodelle verändert die Reisegewohnheiten signifikant. Paare, bei denen beide Partner mobil arbeiten, integrieren Aufenthalte in Hotels als temporäre Lebensorte. Diese Gästegruppe fordert hochwertige Arbeitsplätze im Zimmer, stabiles WLAN, Zugang zu Co-Working-Spaces sowie Services wie gemeinsame Aktivitäten oder Freizeitangebote nach Feierabend.
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Die „Workation“-Familie
Ein wachsender Marktanteil entfällt auf Familien, die Berufliches und Privates miteinander verknüpfen. Während Eltern tagsüber arbeiten, benötigen sie gleichzeitig eine kindgerechte Infrastruktur: Betreuungseinrichtungen, Spielräume, familienfreundliche Gastronomie und Ausflugsangebote. Hotels, die gezielt auf diese Gruppe eingehen, erschließen nicht nur neue Umsatzpotenziale, sondern heben sich in einem bisher kaum bearbeiteten Nischenmarkt ab.
Strategische Anpassung der Hotellerie
Um das Potenzial von Bleisure 2.0 voll auszuschöpfen, bedarf es eines strategischen Umdenkens:
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Hybride Raumnutzung
Modulare Zimmergestaltung erlaubt die duale Nutzung als Schlaf- und Arbeitsbereich. Ergonomisches Mobiliar, hochwertige Lichtkonzepte und technische Infrastruktur (z. B. High-Speed-WLAN, Monitore, Docking-Stations) sind essenziell.
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Maßgeschneiderte Angebote
Hotels können kombinierte Aufenthalts-Pakete schnüren, etwa mit kulturellen Events für Begleitpersonen oder Kinderprogrammen während der Arbeitszeit. Wellness-, Sport- oder Kulinarikangebote für Paare fördern die Aufenthaltsqualität.
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Lokale Integration & Community
Die Zusammenarbeit mit lokalen Anbietern (Tourismusbüros, Restaurants, Fitnessstudios) schafft Mehrwert und Authentizität. Zusätzlich stärken eigene Events wie After-Work-Veranstaltungen oder Themenabende die soziale Komponente.
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Zielgruppenspezifisches Marketing
Statt klassischer B2B-Kommunikation sind emotionale Bildwelten und Storytelling gefragt. Die Ansprache über Social Media, Influencer-Kooperationen oder thematische Kampagnen („Arbeiten, wo andere Urlaub machen“) erreicht gezielt Bleisure-affine Zielgruppen.
Ausblick: Die Zukunft ist hybrid
Die Verschmelzung von Beruf und Freizeit wird künftig noch zentraler für Reiseentscheidungen. Laut aktuellen Umfragen verfügen 67 % der Unternehmen bereits über interne Richtlinien zur Unterstützung von Bleisure-Aufenthalten, 53 % fördern diese aktiv. Fast 60 % der Geschäftsreisenden verlängern ihre Reise bereits regelmäßig, wenn betriebliche Strukturen dies zulassen.
Für Hotels und Destinationen bedeutet das: Wer Bleisure 2.0 konsequent adressiert, profitiert von einer neuen Art der Loyalität, erhöhten Verweildauern, höheren Pro-Kopf-Ausgaben – und positioniert sich als zukunftsfähiger Akteur in einem sich wandelnden Reisemarkt.
Quellenverzeichnis
- The Business Research Company. Bleisure Travel Global Market Report 2024.
- Grand View Research. Bleisure Travel Market Size, Share & Trends Analysis Report, 2023–2030.
- Mordor Intelligence. Bleisure Travel Market - Growth, Trends, and Forecasts (2024 - 2030).
- Bleisure Traveller. Germany: Bleisure Destination No. 1 in Europe.
- Earthweb. Bleisure Travel Statistics for 2024.
- Zipdo. Bleisure Travel Statistics 2024.
- Wifitalents. Bleisure Travel Data & Insights 2023–2025.
- BCD Travel. Unlocking the Power of Bleisure Travel.

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